Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenanwendung in der praxis → Stämpfli & Cie.
2018-1-31

Anwendung der kleinschreibung

Stämpfli & Cie.

www.staempfli.com 1930: Einführung der gemässigten Kleinschreibung in allen firmeneigenen Texten.

STÄMPFLI & CIE.
buchdruckerei und verlag
BERN

Bern, im april 1931

Betrifft kleinschreibung

An unsere geschäftsfreunde!

Vor ungefähr einem jahr haben wir Ihnen mitgeteilt, dass wir in unserem geschäfts­verkehr die klein­schreibung durch­führen werden, und zugleich bemerkt, welche gründe uns zu diesem vorgehen bestimmten. Nachdem viele zu­schriften unseren schritt begrüsst und unter­stützt haben, halten wir es im interesse der sache für angebracht, Ihnen zu berichten, welche erfahrungen wir mit der neuerung gemacht haben.

Nach innen, das heisst in unserem geschäfts­betrieb, übersteigt die wirkung der änderung unsere erwartungen. In der kürzesten zeit hatten sich alle an­gestellten mit der klein­schreibung vertraut gemacht. Insbesondere ver­einfachte sich die bedienung der schreib­maschinen in einem masse, dass niemand, der an der schreib­maschine arbeitet, zur alten schreibweise zurückkehren möchte. Bemerkens­wert ist auch, dass zahl­reiche angestellte und arbeiter von sich aus für ihren eigenen schriftverkehr zur klein­schreibung über­gegangen sind.

Die wirkungen nach aussen liessen sich, wie bereits bemerkt, aus zahlreichen zu­schriften und zeitungs­artikeln erkennen, die mit freudiger über­zeugung unser vorgehen guthiessen. Noch er­freulicher war, dass einige grosse firmen und eine anzahl von privaten unser beispiel be­folgten. Be­zeichnend für die werbekraft der idee scheint es uns, dass die zeit­schrift des bernischen gymnasiums, die „Gymer­tribüne“, ebenfalls in klein­schrift gedruckt wird. Auch hier wird sich der satz bewahr­heiten: wer die jugend hat, der hat die zukunft. — Dass sich auch die gegner melden würden, war zu erwarten. Über­raschend aber berührte es, die schwäche ihrer begründung schwarz auf weiss zu sehen. Stich­haltige gegen­gründe wurden keine genannt, dagegen machte man reichlich von den schlag­worten gebrauch, die je und je gegen alles neue ins feld geführt worden sind. Ins­besondere soll die alt­hergebrachte ordnung nicht ohne mit­wirkung der hohen obrigkeit gestört werden. Wenn behauptet wird, dass dank der gross­schreibung der dingwörter nirgends so viel gelesen wird wie im deutschen sprach­gebiet und dass mit der abschaffung der gross­schreibung ein kultureller rück­schritt eintreten werde, so wirkt das weniger überzeugend als komisch. Schon mehr zu denken gibt die tatsache, dass einige kunden den bezug von büchern unseres verlags ablehnten, weil sie mit einem geschäft, das eine solche „mode­torheit“ mitmacht, nicht zu ver­kehren wünschen.

Wird die bewegung zur einführung der klein­schreibung fort­schritte machen? Wir glauben und hoffen es. Dabei ver­sprechen wir uns, abgesehen von der ziel­bewussten arbeit des bundes für ver­einfachte recht­schreibung, am meisten von der einsicht derjenigen, denen die praktische brauchbar­keit mehr bedeutet, als der streit um grosse worte. Es wirkt doch immer etwas sonderbar, wenn gegen die ver­einfachung einer schreib­gewohnheit gleich das grobe geschütz der Kultur­frage (mit einem grossen K) auf­gefahren werden muss.

Allfällige mitteilungen über versuche und erfahrungen mit der klein­schreibung werden wir stets dankbar entgegen­nehmen.

Mit vorzüglicher hochachtung
Stämpfli & Cie.

brief vom april 1931