Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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1999-1-20

Jahresbericht des vorsitzers für 1991

Generalversammlung
Publikationsorgan "Rechtschreibung"

An der schwelle des jahres 1992 fallen einem zwei jahreszahlen ein: 1901 und 1892. 90 jahre alt sind die amtlichen ortografieregeln, die durch das soeben fertiggestellte regelwerk ersetzt werden sollen. Vor 100 jahren entschied sich in Bern eine konferenz aus vertretern von bund und kantonen für die rechtschreibung des dudens.

Allgemeines

Der letzte jahresbericht begann mit der feststellung, dass es nun einen deutschsprachigen staat weniger gibt. Das führt unausweichlich zum folgenden gedanken: Die meisten von uns werden angenommen haben, dass die kleinschreibung eingeführt ist, bevor die berliner mauer fällt oder der russische präsident einen Nato-beitritt in betracht zieht. Man könnte jetzt mit resignation reagieren. Ich ziehe den positiven schluss daraus, dass unter umständen auch unwahrscheinliches sehr rasch wirklichkeit werden kann. Man darf nur nicht aufgeben und bei der schwierigen einschätzung der akzeptanz in der bevölkerung nicht zu ängstlich sein.

Ein wichtiges etappenziel ist 1991 erreicht worden. Die neunte internationale arbeitstagung hat die regelwerke zu den verschiedenen teilbereichen ^ laut-buchstaben-zuordnungen einschliesslich fremdwortschreibung, getrennt- und zusammenschreibung, schreibung mit bindestrich, gross- und kleinschreibung, zeichensetzung und worttrennung ^ zu einem gesamtpaket zusammengeführt. In diesem regelwerk wird die gross- und kleinschreibung nicht übergangen, sondern in zwei varianten (modifizierte substantivgrossschreibung und substantivkleinschreibung) vorgelegt. ^ Tagungsort war turnusgemäss die Schweiz, und zwar Rorschach SG. Die veranstaltung dauerte vom 30. september bis zum 4. oktober. Der BVR wurde durch den schreibenden vertreten.

Nachdem die arbeit der internationalen expertengruppe materiell weitgehend abgeschlossen ist, hat auch die arbeitsgruppe rechtschreibreform der konferenz der kantonalen erziehungsdirektoren unter dem vorsitz von prof. H. Sitta, Zürich, ihren auftrag vorläufig erfüllt. Im abgelaufenen jahr tagte sie im beisein des schreibenden in den monaten märz, mai, juli, august und dezember.

Wenn auch für die rechtschreibung die "wende" noch nicht da ist, so doch wenigstens für den duden. Mit der im september erschienen 20. auflage fand das fast 40jährige nebeneinander einer leipziger und einer mannheimer ausgabe ein ende. Kein ende fand leider die zaghafte haltung des dudens gegenüber auch nur den geringsten ortografischen anpassungen, die innerhalb der regeln von 1901 möglich wären und das mühsame internationale verfahren entlasten könnten.

An der universität Zürich führte prof. H. Sitta im wintersemester 90/91 ein seminar zum tema rechtschreibreform durch, ebenfalls besucht durch den schreibenden.

An presseartikeln sind ein bericht im Tages-Anzeiger vom 20. juli über die politische lage und ein umfangreicher, in kleinschreibung gedruckter aufsatz von Herbert Bruderer in der fachzeitschrift print zu erwähnen. Detaillierten aufschluss über die ergebnisse der internationalen gespräche aus erster hand findet man im heft 6/91 von uni zürich, herausgegeben vom rektorat der universität Zürich.

BVR

Die jahresversammlung fand am 19. januar in Zürich statt. Der vorstand traf sich einmal.

Unser organ Rechtschreibung, redigiert von René Schild, erschien dreimal im üblichen umfang von insgesamt 24 seiten. Nummer 153 enthielt einen bericht aus Deutschland und nachrufe auf zwei gründungsmitglieder. In dieser und der folgenden nummer wurde ein BVR-diskussionsbeitrag aus dem print abgedruckt. In nummer 154 finden sich der artikel aus dem Tages-Anzeiger und eine besprechung des buchs "Der gekippte Keiser". Die nummer 155 erörterte probleme des apostrofs, der eigennamengrossschreibung und der weiblichen formen in der sprache.

Wieder wurde eine fünfstellige zahl von werbeschreiben versandt, u. a. an die lehrerschaft beider Basel und der stadt Zürich. Im kanton Bern wurde eine schrift einem schulblatt beigeheftet. Zwecks vereinfachung der administration und später vielleicht der werbung wurden für den einzug der mitgliederbeiträge erstmals blaue einzahlungsscheine versandt.

Die hoffnung unseres langjährigen und verdienten geschäftsführers, Walter Neuburger, auf entlastung scheint in erfüllung zu gehen. Zum glück arbeitet er aber weiter im vorstand, vor allem in der "werbeabteilung". Der designierte nachfolger, Patrick Hunziker aus Zürich, konnte sich bereits etwas einarbeiten.

Dank der spendefreudigkeit unserer mitglieder, aber auch wegen ausstehender rechnungen schliesst die jahresrechnung mit einem vermögenszuwachs von 6200 franken.

Weniger günstig entwickelte sich dagegen der mitgliederbestand, der sich auf 1328 reduzierte. 38 eintritten stehen 106 austritte gegenüber.

Im berichtsjahr oder kurz davor starben nach unserer kenntnis zwei mitglieder: Ernst Widmer, Kreuzlingen, und dr. Peter E. Balmer, Schaffhausen.

Ich danke allen mitgliedern des BVR für ihre treue sowie den vorstandsmitgliedern und anderen helfern für ihren einsatz.

Zürich, 1. februar 1992

Der vorsitzer
Rolf Landolt