Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → unterscheidungsschreibung
nachgeführt 22. 6. 2014 , 9. 5. 2013

unterscheidungsschreibung

Definion

Unterschiedliche schreibung von gleich lautenden wörtern (homofonen) zwecks unterscheidung der bedeutung (semantisches prinzip).

Beispiele

wohlbekannt / wohl bekannt, morgen / Morgen, die drei / die Drei

Einzelfestlegungen: malen / mahlen, wider / wieder, Seite / Saite, Lärche / Lerche, greulich / gräulich, das / dass

Übertragene bedeutung, feste ausdrücke: sitzenbleiben / sitzen bleiben, grossschreiben / gross schreiben, frischgebacken / frisch gebacken, Schwarze Kunst, Schwarzes Brett

Bedeutung

2 gegensätzliche tesen:

Unterscheidungsschreibung erleichtert das lesen durch auflösung von mehrdeutigkeit (ambiguität) und ermöglicht dem schreiber eine grössere ausdrucks­vielfalt.

Gemäss dem durch die buchstaben­schrift vorgegebenen schichtenmodell ist der transport von bedeutung allein aufgabe der sprache, nicht der schrift. Sie ist erschwert das schreiben, ohne beim lesen einen nutzen zu bringen.

skala skala

Facts, 10. 8. 2000

Schliesslich liegt hier eine fast einmalige Stärke der deutschen Sprache: Es ist ein Unterschied, ob man «blaumacht» oder ob man ein Osterei «blau macht», es ist etwas anderes, wenn man «sitzen bleibt» oder in der Schule «sitzenbleibt».

oll., Frank­furter All­gemeine Zei­tung, 6. 3. 2004, s. 1

[…] daß die angebliche Schreib­verein­fachung un­zählige Nuancen und Präzi­sierungen der deutschen Sprache zu beseitigen droht und das Verstehen von Texten erschwert, wenn nicht unmöglich macht […]

Remo Leupin, Basler Zeitung, 31. 7. 2006

Anders als der Duden hält die baz auch an der Unter­scheidung zwischen wört­licher und über­tragener Bedeutung von Begriffen fest. Denn es ist ein Unter­schied, ob man zum Beispiel in der Schule «sitzengeblieben» oder auf einem Stuhl «sitzen geblieben» ist; ob «die Besuche­rinnen und Besucher stehen geblieben sind» (= weiterhin stehen) oder ob sie «stehengeblieben sind» (= einen Halt machen).

Hans Zehetmair, Wahrig, die deut­sche Recht­schrei­bung, vorwort, 2006

Mehr semantische Differenzierungs­möglich­keiten […] erhöhen […] die Ausdrucks­vielfalt.

neu Gottfried August Bürger, Gedichte, 1778

Alle Sprachen ha­ben das an ſich, daß man oft nicht den Sin aus ein­zelnen Woͤrtern, ſondern dem ganzen Zuſammen­hange auf­greifen mus.

Wilhelm Bleich, Der deutsche Schreibzopf und dessen notwendige Beseitigung, 1900

Eine zwecklose Erschwerung des Schrift­ge­brauchs ist es, gleich­lautende Wörter ver­schiedener Be­deutung durch eine verschie­dene Schreibung zu unter­scheiden, da ja schon der Zusammen­hang im Satze jedes Miß­verständnis verhütet.

  1. Wo die unterscheidungs­schreibung nicht existiert, wird sie nicht vermisst: Gericht (engl. court / dish), Anzeige (advertisement / advice / notice / display / complaint), Kiefer (pinetree / jawbone), Bedeutung (meaning / importance / significance / acceptation / consequence / bearing), sein (früher sein / seyn).
  2. Wo sie existiert, wird sie primär als schreibschwierigkeit wahrgenommen. Lärche/Lerche kann man sich kaum ohne eselsbrücke merken.
  3. Sie wird inkonsequent angewandt und funktioniert unzureichend (z. b. schwarzes Schaf nur so; 2 mögliche schreibweisen für 3 bedeutungen: gross schreiben / grossschreiben für für Sehschwache gross schreiben / Substantive grossschreiben / Teamarbeit grossschreiben).
  4. Sie wird oft ignoriert oder falsch eingesetzt. Beispiele: für Sie und Ihn und Die Drei von der Tankstelle wird sehr häufig irreführend geschrieben, aber immer richtig verstanden. (Fundsachen.)
  5. Die insgesamt mangelhafte funktion wird nicht wahrgenommen; vor allem laien halten die unterscheidungsschreibung für unentbehrlich.

neu Hermann Unterstöger, Süd­deutsche Zeitung, 26. 1. 1998

Jean-Marie Zemb (Paris) wertet Differenzierungen à la frei sprechen/freisprechen als Zeugnisse ”einer zur Gewohnheit ge­wordenen Rationalität des Schreibens, das auf Bedeutungs­unterschiede Rücksicht nimmt”. Das ist schön gesagt und ehrenvoll für die Schreibenden. Anderer­seits herrscht am Collège de France, an dem Zemb lehrt, möglicher­weise ein höherer Alltag als hier, wo man selbst unter den bedachtesten Schreibern öfter als eigentlich schicklich die Frage hören kann: ”Du, sag mal, schreibt man übelnehmen nun zusammen oder nicht?” Daraus läßt sich schließen, daß ziemlich viele weder die betreffenden Regeln kennen noch sie für wichtig genug halten, um eine gründlichere Beschäftigung mit ihnen in Betracht zu ziehen. Sie akzeptieren gemeinhin jeden der zwei möglichen Tips und kämen nie in Gefahr, Sätze wie ”Hillary hat Bill nichts übel genommen” in irgend­einer Weise miß­zuverstehen.

neu Rolf Landolt

Stellungnahme zu: Andreotti, Rechtschreibreform – eine ernüchternde Bilanz

Reform

Bei jeder änderung der schreibung gibt es zwangsläufig einen bereich, in dem grafische bedeutungsdifferenzierungen wegfallen.

Zusätzlich wurden 1996 bewusst unnötige unterscheidungs­schreibungen eliminiert. Das wurde 2006 teilweise rückgängig gemacht, aber z. t. nicht durch wiederherstellung der zwingenden unterscheidungs­schreibung, sondern durch umdeutung in varianten. (Auch in Icklers wörterbuch.)

Reformen können auch neue bedeutungs­differenzierungen schaffen. Beispiele für die 1996er neuregelung: Stillleben, Betttuch/Bettuch. Bei der eigennamengrossschreibung wäre dieser gewinn nicht unerheblich (vgl. begründung).

In allen reformdiskussionen spielt der drohende verlust von unterscheidungs­schreibungen eine grosse rolle und führt zu einer überbewertung dieser funktion der ortografie. Umgekehrt scheint inkonsequenterweise die aussicht auf eine neue unterscheidungs­schreibungen nicht attraktiv zu sein. Die psychologische erklärung dafür ist die verlust-aversion (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. 6. 2001). In einem argumentativen salto können die reformgegner sogar einem «Schleier der Uneindeutigkeit» etwas abgewinnen (Süddeutsche Zeitung, 30. 1. 1999).

Deutscher Hoch­schulverband, 2000

„Vor allem die mit der Recht­schreibe­reform voll­zogene Abschaffung der sogenannten Unter­scheidungs­schreibungen […] führt", wie der Präsident des Verbandes, der Kölner Völker­rechtler Hartmut Schieder­mair, in Bonn erklärte, „zu einer unerträg­lichen Verkürzung der sprachlichen Ausdrucks­möglichkeiten."

Max A. Müller, Bildung Schweiz, 1. 3. 2011

Noch nicht einmal die Abschaffung von Bedeu­tungs­tüfteleien wie «auf dem Trockenen sitzen» (nicht nass haben unter der Hose) und «auf dem trockenen sitzen» (kein Geld haben) dürfte die deutsch­schreibende Mensch­heit wirklich weiter­gebracht haben, da solchen Sinnen­taumel wohl schon vorher kein arbeitender Zeit­genosse beachtete.